Klima Bündnis - Schwarzes Gold aus grünen Wäldern - Erdöl aus Amazonien
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1) Zeitgeschichte des Projektes

Der „Vertrag des Jahrhunderts“, „der Schlüssel zur Entwicklung des Landes über die nächsten 50 Jahre“, so klangen im Mai 1996 die Bezeichnungen für den Vertrag über die Erdgasnutzung im Camisea Gasfeld zwischen der peruanischen Regierung und einem Konsortium, bestehend aus dem Britisch-Holländischen Unternehmen Shell und dem US-amerikanischen Unternehmen Mobil. 10,8 Billionen Fuss3 Erdgas und 725 Millionen Barrel Erdöl machten Camisea zur größten Reserve, die in Peru entdeckt wurde.

Die Felder befinden sich in den Blöcken 88-A und 88-B (San Martin und Cashiriari), einem 230,000 ha großen Gebiet im südlich-zentralen Regenwald Perus, 500 Kilometer östlich von Lima und 250 Kilometer von Cusco. Genauer lokalisiert sich das Projekt am unteren Teil des Flusses Urubamba. Ähnlich dem Manu National Park, an den die Blöcke angrenzen, beherbergt auch dieses Gebiet eine hohe Biodiversität. Lediglich 5-10% des Landes werden für landwirtschaftliche Zwecke genutzt, der größte Teil ist unberührte Natur.

1997 erlangten Shell und Mobil zusätzlich noch die Erlaubnis der Regierung im Block 75 zu operieren, welches mit einer Größe von 1,8 Millionen ha direkt an die Blöcke 88-A und 88-B angrenzt und zudem das „Apurímac-Reservat“ umschließt. Insgesamt operieren die beiden Unternehmen in einem 2 Millionen ha großen Gebiet.

Shell-Mobil investierten 2,8 Billionen US-Dollar und aufgrund der Erwartungen, dass die Produktion innerhalb von 25 Jahren die Staatskasse Perus um 6 Billionen Dollar bereichern würde, kam es zu einer starken Unterstützung seitens der Regierung.

In der ersten Phase garantierte die Existenz einer täglichen Produktion von 7,000 Barrel flüssigem Erdgas, welches aufgrund seiner hohen Qualität einen sicheren Absatzmarkt, v.a. in der petrochemischen Industrie, fand, die Wirtschaftlichkeit des Projektes.

Im Jahr 2000 kam es zu einer erneuten Vertragsverhandlung über die Erschließung des Camisea-Feldes zwischen der peruanischen Regierung und dem Unternehmen Hunt Oil Co. und seinen Partnern Pluspetrol und S.K. Corporation. Zudem konnte sich Hunt Oil Co. im Oktober 2000 an dem Konsortium beteiligen, welches für das Transportsystem des Projektes zuständig war. Dieses System beinhaltet den Bau von zwei Pipelines, eine zum Transport des Erdgases (NG; 700km) sowie eine für das flüssige Erdgas (NGL; 575km), soll der nationalen Energieversorgung als auch dem Exportmarkt dienen. Unter anderem soll die Hauptstadt Lima als größter Energiekonsument direkt beliefert werden. Im Exportgeschäft erhofft man sich vor allem Verträge mit Mexiko (voraussichtlich Lieferung ab 2008/2009) und den USA, jedoch muss Peru diesbezüglich gegen den Mitwerber Bolivien antreten, das ebenfalls einen Absatzmarkt für seine Gasreserven aufbaut. Die Leitung der Verlegung der Pipelines durch den Regenwald, über die Anden hinweg und schließlich entlang der Küste übernahm das italienisch/argentinische Firmenkonsortium Techint.

Im August 2004 eröffnete der peruanische Regierungschef Toledo feierlich die erstmalige Versorgung der Hauptstadt Lima und den Export nach Nordamerika durch die Gasreserven des Erdgasfeldes Camisea.

2) Indigene Völker im Camisea Gebiet

Das Flussgebiet des Urubamba ist gleichzeitig das Territorium der indigenen Völker Machiguenga und Yine sowie 4 weiteren indigenen Völker (Nahua, Kugapakori, Amahuaca und Yaminahua), die sich für ein Leben in Isolation entschieden haben. Insgesamt sind 34 indigene Gemeinschaften bekannt, 14 im oberen und 20 im unteren Flussgebiet des Urubamba. Durch das Camisea-Projekt sind 13 Gemeinschaften am unteren Urubamba betroffen. Schätzungsweise 12.000 indigene Menschen leben im gesamten Stromgebiet. Davon stellen die Machiguenga die Mehrheit, während außer ihnen u.a. auch einige Gemeinschaften der Yine und Asháninka zu finden sind.

Die Machiguenga sind der Sprachfamilie Arawak zuzuordnen und bewohnen seit über 5000 Jahren die Nebenflüsse des mittleren und oberen Urubamba, des oberen Madre de Dios und Manu. Der Beginn der Kolonisierung markiert die Zersplitterung der harmonischen Siedlungen in diesem Gebiet sowie die Zerstörung der Ressourcen des Waldes. Aufgrund der Gefahren durch das Eindringen der Kautschukbarone und der beginnenden Kultivierung von Barbasco - Plantagen flohen Gruppen der Machiguenga in unzugängliche Quellgebiete. Ihre Kultur hat trotz alledem überlebt. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts kam es zu einer erneuten Welle der Kolonisation aus den Anden, was bedeutete, dass sich ca. 22.000 Familien auf dem Gebiet der indigenen Gemeinschaften niederließen, um dort intensiv Landwirtschaft zu betreiben. Mitte der 80er Jahre begannen die Machiguenga sich in Gemeinderäten und Föderationen zu organisieren, um ihre Rechte zu sichern und zu verteidigen. Daraus sind folgende indigene Organisationen hervorgegangen: COMARU, CECONAMA und FECONAYY. Die erstgenannte Organisation zählt die meisten Mitglieder.

Kugapakori und Nahua sind indigene Völker, die sich seit dem Kautschuk-Boom für ein Leben in Isolation entschieden haben und nun durch die Aktivitäten von Shell wieder ungewollten Kontakt zur Außenwelt hatten.

Die Kugapakori sind eine Untergruppe des Machiguenga und leben am mittleren und oberen Camisea (am linken Flussufer), am oberen Cashiriari, entlang der Quellgebiete der Flüsse Timpia und Ticumpinea und am mittleren Teil des Mishagua, wo sie sporadischen Kontakt zu Gemeinschaften der Machiguenga haben. Schätzungsweise leben dort 50.000 Kugapakori.

Die Nahua gehören zu der Sprachfamilie Pano und bewohnen das rechte Flussufer des oberen Camisea. Sie hatten bisher keinen Kontakt zur peruanischen Gesellschaft, so dass auch heute kaum Wissen über ihre ökonomischen, sozialen und kulturellen Lebensgewohnheiten vorhanden ist.

Beide indigenen Völker leben vom Jagen, Sammeln und Fischen und betreiben nur zeitweise und in geringem Maße Landwirtschaft.

Während den Aktivitäten von Shell in den 80er Jahren wurden auf dem Land der Nahua seismische Untersuchungen durchgeführt, welche dramatische Konsequenzen haben sollten. Um die Beziehung zu dem Volk der Nahua zu verbessern bot ihnen das Unternehmen als Entschädigung Lebensmittel, Werkzeuge und anderen Geschenke an. Ein Treffen im Camp von Shell (Sepahua) der traditionellen Autoritäten der Gemeinschaften mit Vertretern von Shell war erfolgreich, so dass die Untersuchungen fortgesetzt und beendet werden konnten. Diesen Vorteil einer bereits existierenden Beziehung nutzten anschließend Holzarbeiter aus, die als Entschädigung für die zu diesem Zeitpunkt teilweise schon rare Ressource dieselben Geschenke machten wie Shell es zuvor getan hat. Der Kontakt zur Außenwelt hatte neben sozialen und kulturellen hauptsächlich gesundheitliche Folgen für die „isolierten“ Gemeinschaften. Insbesondere hatten sie mit Husten, Masern, Tuberkulose und Grippe zu kämpfen. Krankheiten, für die ihr Immunsystem keine Abwehrkräfte hatte. Die Folge war eine drastische Dezimierung der Nahua Bevölkerung um schätzungsweise 50%. Der Rest verließ die Region in Angst.

Eine Initiative der indigenen Organisation COMARU errichtet für die Völker Kugapakori und Nahua 2 Reservate, um dadurch ihren Wunsch und ihr Recht auf Isolation zu berücksichtigen und ihnen die Sicherheit für ein Überleben zu geben. Die geschützten Gebiete überlappen sich allerdings mit den Gebieten, in denen das Unternehmen seine Untersuchungen und Aktivitäten durchführt. Da Shell nicht dafür garantieren kann, das es bei gegenwärtigen Arbeiten zu keinem Kontakt mit den Völkern kommt, hat das Unternehmen ein Dokument entworfen, welches einige Punkte enthält, die von den Arbeitern des Unternehmens beachtet werden müssen, sollte es doch zu einer Begegnung kommen. Letztendlich spricht bereits ein solcher Entwurf dafür, dass es nicht das Ziel des Unternehmens ist, die Isolation zu respektieren. Es gibt nur eine Möglichkeit den Kontakt zu verhindern: es darf nicht in diesen Gebieten operiert werden.

3) Auswirkungen auf Flora und Fauna

Das Eindringen eines Unternehmens in bisher möglicherweise unberührte Natur hat zwangsweise negative Auswirkungen sowohl auf die dortige Fauna als auch auf die Flora. Bereits im Vorfeld der Aktivitäten und Untersuchungen bezüglich der Erdgasförderung bewirkt der Einzug eines solchen Projektes enorme Veränderungen. Es werden Camps errichtet, Arbeiter kommen, Straßen werden gebaut, Maschinen, Fahrzeuge und Helikopter dringen ein, Pipelines werden verlegt etc.

Das Abholzen der Wälder ist eines der ersten Schritte in einem solchen Projekt. Die indigenen Gemeinschaften stellten die Forderung, dass nur das nötigste abgeholzt wird und das dem Personal des Unternehmens die Entnahme von Holz und Waldprodukten verboten wird. Der respektlose Umgang einiger Arbeiter mit der Natur erregte bei den Indigenen Besorgnis. Die genauen Folgen der Industrieanlage sowie der Pipelines für Flora und Fauna konnten noch nicht evaluiert werden, jedoch waren die kulturellen und sozialen Nebenwirkungen für die indigenen Völker spürbar. Aufgrund des konstanten Lärms der Maschinen und der Helikopter sowie der seismischen Explorationen wurde es immer schwieriger bzw. aufwendiger zu jagen, da das Wild in andere ruhigere Gebiete geflohen ist oder die indigenen Völker bezüglich der Jagd in direkter Konkurrenz zu den Arbeitern des Unternehmens stehen.

Ergebnisse von Studien über die realen Auswirkungen, die von einem Unternehmen in Auftrag gegeben werden, sind meist nicht nachvollziehbar, so dass eine Überprüfung ihrer Richtigkeit zumeist unmöglich ist.

4) Die sozialen Folgen der Erdgasförderung

Die sozialen Folgen ergeben sich direkt aus der problematischen Auswirkung auf Flora und Fauna. Die Versorgung der Familie wird aufgrund der beeinträchtigten Jagd- und Sammelmöglichkeiten erheblich schwieriger. Der Lebens- und Nahrungsraum der indigenen Völker wird zunehmend eingeschränkt und ihre Rechte werden verletzt. Diese Einschränkung spiegelt sich auch im alltäglichen Leben der Gemeinschaften wieder. Zumeist sind nur noch Frauen, Alte und Kinder anzutreffen, da die Männer nun mehr Zeit für die Nahrungsmittelversorgung aufbringen müssen oder selber bereits für das Unternehmen Shell arbeiten, das sich in ihren Territorien breitgemacht hat. Schätzungsweise 200 bis 300 Männer aus den indigenen Gemeinschaften haben für Shell oder seine Vertragspartner gearbeitet, zumeist errichteten sie Straßen oder fällten Bäume. Verträge und Krankenversicherungen bzw. Entschädigungen im Falle eines Unfalles oder gar Todes gab es zwischen den ungleichen Partnern nicht.

Auch die gesundheitlichen Nebenwirkungen dieses Projektes, das Einschleppen von Krankheiten, bewirken soziale Veränderungen und haben zum Teil zur Dezimierung ganzer Gruppen geführt. Die medizinische Versorgung kann teilweise nur von externen Gesundheitsstationen vorgenommen werden, da sich nun unbekannte Krankheiten verbreiten. Ein weiteres Besorgnis erregt hier noch die Trinkwasserversorgung. Abwässer der Camps und Chemikalien beeinträchtigen die Wassergewinnung aus den lokalen Flüssen.

 

Quelle: All we want is to live in peace (Lily La Torre López)